Eine kleine Erfolgsgeschichte

Der nachfolgende Text stammt aus dem Main-Echo Ende August/Anfang September 2011

Erlenbach. "Nein", haben beide wie aus einem Munde gesagt. Dass er jemals eine Quali mit einem Durchschnitt von 2,16 schaffen würde, daran wagte weder Muhammet noch seine Schülerpatin Margrit Spinnler zu denken. Nur wenige Monate hatte die Schülerpatin Zeit, den Barbarossa-Schüler fit für die Abschlussprüfung zu machen. Im April erst hatte die Erlenbacher Mittelschule gemeinsam mit der Initiative Main-Ehrenamt der Caritas Sozialstation die Kooperation gegründet, mit der auch im neuen Schuöjahr Schüler fit gemacht werden sollen.

Margit Spinnler war damals eine von knapp fünf Schülerpaten, die aus dem Main-Echo von dem Projekt erfahren hatte und sich für eine Patenschaft interessierte. "Ich wollte was für den Geist machen und Shcüler zum Beruf führen", erklärt die 67-jährige Elektromeisterin aus Erlenbach, die sich erst vor kurzem in den Ruhestand begeben hat. Bei einem Kennenlern-Abend Ende April traf die aktive Pensionistin dann auf den eher stillen Muhammet Ucar. Für ihn entschied sie sich, weil er als Neuntklässler ihrer Erfahrung im Umgang mit Lehrlingen entsprach.

Am liebsten Mathe

Und auch Muhammet war bereit, sich einmal die Woche mit seiner Patin zu treffen. "Am liebsten hätte er ja MKathe geübt, im Rechnen war er nähmlich schon gut", erinnert sich Margrit Spinnler mit einem Lächeln. Doch die Schwächen bei Muhammet lagen woanders. Die Eltern des 15-jährigen Schülers leben getrennt, die Mutter spricht nur türkisch, der Vater und ältere Bruder arbeiten den ganzen Tag. Da lag es für Klassenlehrerin Bärbel Alt nahe, ihn für das Patenprojekt vorzuschlagen:"Muhammet gehörte schon zu den eher strebsamen Schülern", sagt die Hauptschullehrerin. Er habe scih in den vergangenen Jahren stetig verbessert, aber von seiner Patin noch einmal den "letzten Kick" bekommen. Von der Schule hatte sich Margrit Spinnler Prüfungsunterlagen zum Üben geben lassen. Vom vErständnis für Textaufgaben über allgemeine Prüfungstipps bis hin zum regelmäßigen Deutschdikat: Schüler ud Patin setzten sich zusammen, besprachen Vorstellungen, Erwartungen und Probleme. "Anfangs hatte er bis zu 40 Fehler in einem Diktat, am Ende nur noch vier bis fünf." Margrit Spinnler ist stolz, dass ihr Schützling einen solch guten Abschluss geschafft hat. Dabei war es nicht Nachhilfeunterricht im eigentlichen Sinn, der Muhammet geholfen hat. Es ging auch um die Motivation. "Ich habe ihm ganz klar gemacht, dass es nur auf ihn ankommt, auf das, was er im Leben machen will." Dabei sind auch mal ernste Worte geallen. Muhammet hatte auf ihre Vermittlung hin ein Praktikum bei einem Metallbauer- ein Berufsbild, das ihn interessierte. Nach einiger Zeit gefile es ihm allerdings nicht mehr. Eines Morgens erschien er nicht mehr im Betrieb, ohne jemandem Bescheid zu geben. "Es geht nicht darum, jemanden zu schelten, es geht um den Lehreffekt", sagt Margrit Spinnler. Und Muhammet hat aus seinen Fehlern gelernt. Der 15-Järige sind sich sicher, dass ihm so etwas nicht wieder passieren wird. Werte wie Zuverlässlichkeit, Termine warhnehmen oder absagen, gehören für ihn jetzt zu den grundlegenden Dingen, um sich den Alltag zu organisieren. Dass es bei vielen Schülern einfach nur an Zuwendung fehlt, die sie vom Elternhaus nicht bekommen, weiß Susanne König vom Main-Ehrenamt zu berichten. Daher rät sie Menschen mit Zeit und Lust, es einfach mal mit einer Patenschaft zu versuchen. "Es gibt viele Menschen, die Zeit haben, sich aber nicht mobilisieren können- oder sich nicht trauen", weiß die Sozialarbeitern. "Sie haben Angst, sie könnten etwas falsch machen."

Orientierung geben

Dabei soll ein Pate nich zwangläufig schulische efizite aufarbeiten. Vielmehr gilt es, Ansprechpartner zu sein für allgemeine Nöte und berufliche Orientierung. "Das Engagement ist und bleibt überschaubar, freiwillig ist es sowieso. Es kann jederzeit abgebrochen werden, wenn sich eine der beiden Seiten nicht wohlfühlt", betont Susanne König. Und:"Es geht auch um ein Stück um Persönlichkeitsentwickulung". Als Schüler kommen sowieso nur die in Frage, die einen gewissen "guten Willen" zeigen, sagt Hauptschullehrerin Bärbel Alt. "Wir wollen hier keine schwierigen Fälle aufschieben, sondern labilen Schülern auf die Sprünge helfen." Ihrer Erfahrung nach sind Jugendliche häufig zurückhaltend, manche sehr schüchtern. Sie brauchen jemanden, der ihnen Mut gibt, ihnen Zeit schenkt. So wie es Muhammet erfahren hat. Auch er ist eher ein ruhiger Typ. Aber sein nächstes Ziel hat er fest vor Augen: Die mittlere Reife auf der Wirtschaftsschule in Wertheim will er schaffen, vielleicht mit Option auf Abitur. Anderen kann er die Erfahrung nur empfehlen: "Es ist ein gutes Gefühl, wenn jemand da ist, der einem hilft."

Sylvia Breckl

 

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