Hand in Hand

                            

Ein kleiner Generationenvertrag

 

 Zeitungsartikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 02.11.2009

In der Altenpflege geht es längst nicht mehr ohne ehrenamtliche Hilfe. In Seniorengenossenschaften helfen Jüngere Älteren, um später selbst Beistand zu bekommen

München - Ingrid Korst steigt die weißen Steinstufen hoch und klingelt an der Tür einer Fremden. "Ich komme von der Seniorenhilfe", ruft sie halblaut. Die Tür öffnet sich einenSpalt, dahinter sitzt Sigrid von Kiesling in ihrem Rollstuhl, in weißen Sandalen, brauner Trainingshose und blauem Shirt. "Ich weiß", schnaubt sie und zieht die Tür weiter auf. "Ich gehe die Stufen alleine runter", sagt sie knapp und zieht sich am Treppengeländer hoch in einen unsicheren Stand. Ingrid Korst macht derweil das Auto fertig. Die 68-Jährige bringt die nur fünf Jahre ältere von Kiesling zur Krankengymnastik.

Beide Frauen gehören zu den rund 1900 Mitglieder der Seniorenhilfe Dietzenbach. In dem gemeinnützigen Verein helfen die rund 200 aktiven Mitglieder, meist selber Rentner, den hilfebedürftigen Senioren. Sie begleiten sie zum Arzt, gehen mit ihnen einkaufen oder besuchen sie zu Hause. Jede Stunde ihres Einsatzes sparen die Aktiven auf einem Zeitkonto an. Das können sie einlösen, wenn sie einmal selber Hilfe brauchen. Etwa 50 solcher genossenschaftlich organisierten Vereine haben Wissenschaftler der Universität Köln in Deutschland gezählt. Sie alle funktionieren nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit, ähnlich wie bei einem Generationenvertrag. Ohne solche Einrichtungen würde die Finanzierung des deutsche Pflegesystem bald zusammen brechen. Die Pflegeversicherung steht laut Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwissenschaften in Freiburg, bereits jetzt vor großen Finanzierungsschwierigkeiten. Er rechnet damit, dass ihr in den kommenden Jahren viele Milliarden fehlen werden. Korst hat bereits über 600 Stunden auf ihrem Zeitkonto angesammelt. Unter großer Anstrengung verdient sie sich die nächste: Der Rollstuhl muss in den Kofferraum ihres dunkelblauen Kombis. Die zierliche Frau kommt ins Schwitzen, das schwere Gefährt will nicht passen. Von Kiesling sitzt bereits auf dem Beifahrersitz. Sie ist vor sechs Jahren gestürzt. Seither hat sie einen großen Metallnagel im Oberschenkelknochen, der sich an der Hüfte ins Fleisch bohrt und schmerzt. Die ehemalige Sportlehrerin kann ihr Haus ohne Hilfe nicht verlassen. Immer mehr Menschen in Deutschland leben allein, obwohl sie bei alltäglichen Dingen auf Hilfe angewiesen sind. Es sind vor allem alte Menschen, deren Partner gestorben und deren Kinder weggezogen sind. Die Zahl der Senioren wird in den kommenden Jahren stark ansteigen. 2050 wird laut Statistischem Bundesamt über ein Drittel der gesamten Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. 40 Prozent dieser Altersgruppe, das sind rund zehn Millionen Menschen, werden dann älter sein als 80 Jahre. Und mit dem Alter steigt das Risiko, zum Pflegefall zu werden. Unter den 80-Jährigen wird etwa jeder Fünfte als pflegebedürftig eingestuft, unter den über 90-Jährigen gelten sogar zwei von drei als Pflegefälle. Bereits heute gibt es 2,25 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland. Wenn ihr Anteil je Altersgruppe konstant bleibt, wird ihre Zahl bis 2030 auf 3,36 Millionen Menschen angestiegen sein. Maria Schiller ist 93 Jahre alt und fit für ihr Alter. Trotzdem läuft sie in den eigenen vier Wänden lieber mit ihrem Rollator, zur Sicherheit. Sie wohnt alleine im siebten Stock eines Dietzenbacher Hochhauses. Würde sie fallen, wäre niemand da, um ihr zu helfen. "Von Freitag bis Sonntag bin ich oft alleine, das ist schlimm", sagt sie. "Ich kann ja dann nicht raus." Zweimal pro Woche kommen die Frauen von der Seniorenhilfe, um mit ihr spazieren oder einkaufen zu gehen. Montagnachmittag ist Elisabeth Flick an der Reihe. Sie hat ihren Mann mitgebracht, der nach den Tomaten auf Schillers Balkon sehen möchte. Die alte Dame strahlt, sie hat gerne mal einen Mann im Haus. "Regelmäßige Besuche können bei älteren Menschen die Gefahr, pflegebedürftig zu werden, verringern", sagt Bernhard Fleer, Pflegeexperte beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). "Wenn jemand darauf achtet, dass sie regelmäßig essen und trinken, und darauf, ob sich ihr Gesundheitszustand verändert, ist schon viel erreicht."Die Seniorengenossenschaften entlasten so auch die Kassen der Kommunen und Kreise, die für die Hilfe aufkommen müssten, wenn der Betroffene selber oder dessen Angehörige dies nicht können. Zudem können viele Alte durch die ehrenamtlichen Helfer länger in ihrer eigenen Wohnung leben. Das spart viel Geld, denn in einem Pflegeheim ist die Betreuung am teuersten. "Wir müssen versuchen, die Familie zu aktivieren", sagt Finanzwissenschaftler Raffelhüschen. Denn die Familie sei das, was die Pflege heute noch verhältnismäßig billig mache. Zwei Drittel der aktuell 2,25 Millionen Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, mehr als eine Millionen davon durch Angehörige und ohne Unterstützung ambulantet Dienste. Das könnte sich bald ändern, warnt Gabriele Doblhammer vom Max-Planck Institut für demografische Forschung. Bislang waren meist die Töchter und Schwiegertöchter für die Pflege zuständig. Doch die werden in Zukunft immer häufiger selber erwerbstätig sein. Da hilft es auch nichts, dass die Alten bis 2030 mehr Angehörige haben werden als heute, da jetzt die Eltern der geburtenstarken Baby-Boomer-Generation in die Jahre kommen. Denn um diesen Vorteil nutzen zu können, müsse man die Angehörigen in der Pflege mehr unterstützen, sagt Doblhammer. "Wenn sie Hilfe bekommen, ziehen sich die Familien nicht aus der Verantwortung, sondern ihre Bereitschaft, zu Hause zu pflegen, steigt." Die Seniorengenossenschaften können professionelle Pflegedienste zwar nicht ersetzen, aber sie können pflegende Angehörige unterstützen. Demenzkranke etwa müssen rund um die Uhr betreut werden, was für deren Kinder zu einer großen Belastung werden kann. Deswegen springen die ehrenamtlichen Helfer aus Dietzenbach auch als Betreuer ein, wenn die Angehörigen Termine außer Haus haben oder einfach ein bisschen Zeit für sich brauchen. Noch einen Schritt weiter geht eine Seniorengenossenschaft im badenwürttembergischen Riedlingen. Sie bietet unter anderem eine Tagespflege für 30 Pflegebedürftige für rund 35 bis 60 Euro am Tag, je nach Pflegestufe des Besuchers. Die insgesamt 25 Helfer werden hier von zwei professionellen Pflegekräften angeleitet. Nur so können die Leistungen auch über die Pflegeversicherung abgerechnet werden. "Vor allem bei ernsthaften Erkrankungen wie Demenz ist es wichtig, im richtigen Moment professionelle Hilfe einzuschalten,‘ sagt Fleer vom MDS. Berührungsängste waren anfangs schon da, erinnert sich Maria Friedrich. Die 46-Jährige arbeitet als Laie in der Tagespflege in Riedlingen. Montags und Freitags macht sie den Alten Frühstück, füttert sie wenn nötig, begleitet sie auf die Toilette und wäscht klebrige Finger. "Stuhl abwischen, daran gewöhnt man sich schnell. Aber Anfangs habe ich mich gescheut, unsere Besucher auch mal in den Arm zu nehmen", sagt Friedrich. Inzwischen ist das kein Problem mehr für sie. Die zweifache Mutter kann sich nicht vorstellen, zu arbeiten, nur um Geld zu verdienen. "Aber ganz ehrenamtlich geht es auch nicht", sagt sie. In der Tagespflege verdienen Friedrich und ihre Kolleginnen 6,15 Euro in der Stunde. Das ist auch der Stundenlohn für alle anderen Dienste, die die Genossenschaft anbietet, wie Fahrdienste, Hilfe im Haushalt oder bei Behördengängen. Josef Martin, Gründer und Vorsitzender der Seniorengenossenschaft, lässt seine Aktiven zwischen Zeitkonten und Stundenlohn wählen. Etwa 70 Prozent wollen lieber das Geld. Ohne diese Wahlmöglichkeit hätte die Genossenschaft zu wenig Helfer, fürchtet Martin. "Es nützt ja nichts, wenn hohe Zeitgutschriften angespart werden, und hinterher ist keiner mehr zu finden, der unter diesen Bedingungen noch arbeiten will", sagt er. 650 Mitglieder mit einem Altersdurchschnitt von 74 Jahren zählt sein Verein, 113 von ihnen arbeiten aktiv mit. Wer Hilfe von ihnen möchte und keine Zeitstunden angespart hat, muss 8,20 Euro je Stunde zahlen. Trotzdem sei die Genossenschaft preiswerter als die kommerziellen Anbieter, sagt Martin. Sein Verein trägt sich selber, im Jahr 2008 hat er rund 540.000 Euro umgesetzt. In Dietzenbach gibt es nur ehrenamtliche Helfer, die anders als in Riedlingen kein Geld für ihren Einsatz bekommen. Die Seniorenhilfe selber finanziert sich hauptsächlich aus den Jahresbeiträgen der Mitglieder und durch Spenden. Nach der Fahrt zur Krankengymnastik rechnet Ingrid Kort bei Sigrid von Kiesling daher nur eine geringe Gebühr für's Benzin ab. In zwei Tagen kommt eine andere ehrenamtliche Helferin, um von Kiesling zur Krankengymnastik zu fahren. Sie war vor ein paar Tagen schon mal da -um zu testen, ob sie den Rollstuhl heben kann.

Autorin: Silke Bigalke